This being human is a guest house

Altes Gasthaus in Schottland
Mein menschliches Dasein als Gasthaus meiner Gefühle – für mich eine schöne Vorstellung

This being human is a guest house. Every morning a new arrival. A joy, a depression, a meanness. Some momentary awareness comes as an unexpected visitor. Welcome and entertain them all! Be grateful for whoever comes because each has been sent as a guide.

… heißt es ganz wundervoll in Coldplays Kurzlied „Kaleidoscope“. Diese Textzeilen habe ich gestern tatsächlich zum ersten Mal bewusst wahrgenommen, als ich ihr Album „A Head Full of Dreams“ nach einer Ewigkeit mal wieder hörte. Die Botschaft, die sich hinter diesen Textzeilen verbirgt, mag Dir vielleicht nicht neu sein. Bereits Rumi, Gelehrter und einer der bedeutendsten persischsprachigen Dichter des Mittelalters, hat es so formuliert.

Mein menschliches Dasein als Gasthaus meiner Gefühle

Ich finde diese Vorstellung sehr schön. Aber nicht nur schön, sondern sie ist für mich auch hilfreich. Sie ist besonders hilfreich bei Gästen, die ich nicht eingeladen habe und die vielleicht penetrant jeden Tag aufs Neue vor der Tür oder bereits im Gastraum stehen. Aber auch bei jenen, denen ich wehmütig an der Tür hinterher schaue, während sie am Horizont verschwinden.

Für mich ist es hilfreich, da ich allein darüber entscheide, wen ich in mein Gasthaus hinein lasse, bzw. wen ich bitte wieder zu gehen. Ich entscheide, ob ich die Tür verschließe und mir das ständige klopfen und die Bitte um Einlass antue. Es ist an mir zu entscheiden, wenn ein Gast zu gehen hat. Und es ist an mir, dies auch durchzusetzen. Ich entscheide, ob ich mich mit allen Gästen gleichzeitig an den Tisch setzte oder mich lieber ganz auf einen Gast konzentriere. Und ich entscheide auch darüber, welche Art Gasthaus ich führe. Wie es in ihm aussieht. Ist es aufgeräumt, ist es eher rustikal oder modern. Ist es schlicht oder pompös. Vielleicht denke ich auch über eine Renovierung oder einen Ausbau nach.

Und ich alleine definiere auch, welche Art von Wirtin ich in meinem Gasthaus sein möchte. Möchte ich meinen Gästen offen und herzlich begegnen oder bin ich eher reserviert? Habe ich ein offenes Ohr oder überlasse ich sie ihnen selbst? Sorge ich für eine angenehme Atmosphäre oder lasse ich meinen Gästen alles durchgehen?

Ich habe so viele Möglichkeiten! Deswegen habe ich diese Vorstellung zu meiner Wahrheit gemacht.

Echte Gäste oder nur Schein-Gäste?

Ein Klient fragte mich vor 2 Tagen „Sind meine Gefühle echt? Oder täuschen sie mich nur und gaukeln mir etwas vor, was gar nicht so ist.“ Ich erklärte ihm, dass ich ihm das nicht beantworten könne, sondern stellte ihm folgende Gegenfragen. Wenn ein Kind eingesperrt im dunklen Keller, voller Angst und Panik sitzt, stellt es sich dann die Frage, ob es Angst oder Panik hat? Oder fühlt es sie nicht einfach in ihrer vollen Intensität? Ich hätte ihm auch folgende Fragen stellen können: Wenn ein Mensch einen anderen geliebten Menschen verliert und von Trauer zu Boden gerissen wird, stellt er sich dann die Frage, ob er gerade traurig ist? Oder fühlt er es dann nicht einfach mit jeder einzelnen Zelle seines Körpers? Oder auch: Wenn eine Mutter ihr Wunschkind gerade geboren und in den Armen hält, stellt sie sich dann die Frage, ob sie glücklich und voller Liebe für das Kind ist? Oder fühlt sie nicht einfach nur dieses Glück und diese bedingungslose Liebe für ihr Kind?

Für mich gibt es keinen Zweifel daran, dass Gefühle da sind oder nicht. Sie sind einfach da, hervorgerufen durch äußere Begebenheiten, Personen, Umstände oder Situationen. Sie sind dann einfach Besucher meines Gasthauses. Sie sind da und sie sind real. Sobald ich mich fragen muss, ob ein Besucher da ist, kann er nicht wirklich präsent sein, denn dann würde ich wissen, dass er da ist. Wenn ich aber nach ihm Ausschau halten muss, dann ist er gerade nicht in meiner Nähe, dann ist er mit anderen Gästen beschäftigt, auf andere Art abgelenkt oder gar nicht im Haus. Dies bedeutet für mich, dass er nicht meine Nähe sucht. Darüber kann ich sehr erfreut sein, wenn ich diesen Gast auch nicht in meinem Haus haben möchte oder es kann mich sehr traurig machen, wenn ich diesen Gast sehr gern bei mir hätte. Am besten als Dauergast.

Meine Art mein Gasthaus zu führen

Gibt es eine einzig richtige Art sein Gasthaus zu führen? Ich weiß es nicht. Aber für mich haben es Coldplay sehr treffend formuliert. Ich kann meine Tür jeden Tag aufs Neue öffnen und jeden Besucher herzlich herein bitten. Denn wenn ein Gast bereits einmal zu Besuch war und sich wohl gefühlt hat, dann wird er wiederkommen. Er wird klopfen und um Einlass bitten. Immer und immer wieder. Ich habe für mich entschieden, ihn dann lieber gleich hinein zu lassen, als ihm den Einlass zu verweigern. Ob ich ihn nun auf Anhieb leiden kann oder nicht. Aber jeder Besucher ist für mich tatsächlich ein Guide. Ein Guide, der mich vielleicht zu einer neuen Spur und Fährte führt oder ein Guide, der mir hilft, alte Abdrücke einer bekannten Fährte zu heilen. So oder so, ist jeder Gast nicht nur ein Guide für mich, sondern er hat auch immer ein Gastgeschenk dabei. Und wenn ich ehrlich bin, muss ich manchmal über die mir nicht ganz so lieb gewonnen Gäste schmunzeln, wenn sie erneut an meinem Tisch sitzen und ich nur den einen Satz im Kopf habe „Oh nein, Du schon wieder!“ Oder es gibt Momente, in denen ich als Wirtin überfordert bin. Dann haue ich mit der sprichwörtlichen Faust auf den Tisch und schmeiße kurzerhand alle Gäste hinaus. Ich schließe meine Tür hinter ihnen, um sie am nächsten Tag wieder erneut zu öffnen.

Aber nichts desto trotz bin ich tatsächlich dankbar für jeden Gast. Ich bin ihm dankbar für sein Gastgeschenk. Vielleicht nicht immer gleich im ersten Moment, aber irgendwann bin ich es immer. Und ich habe mich als Wirtin definiert. Ich mag es offen und herzlich auf jeden Gast zuzugehen und mich mit ihm an den Tisch zu setzen. Vielleicht sitzen wir erst allein. Später kommen vielleicht noch weitere Gäste dazu oder wir bleiben allein. Was mein Gasthaus an sich anbelangt, so neige ich noch dazu es gern umzugestalten und immer wieder neu zu präsentieren. Aber von der Grundstruktur bleibt ist es schon sehr lange so, wie es jetzt ist.

Und bei Dir? Wie sieht es mit Deinem Gasthaus aus?

Bis zum nächsten Beitrag,

Deine Petra

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