Gelassenheit bedeutet Vertrauen und Verantwortung

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Dieses Zitat aus dem Gelassenheitsgebet von Reinhold Niebuhr, einem US-Theologen, hast du mit Sicherheit schon einmal gehört. Bekannt geworden ist dieser Anfang des Gelassenheitgebets wohl in erster Linie nach Ende des 2. Weltkrieges durch Selbsthilfegruppen wie die Anonymen Alkoholiker. Das Gebet an sich ist etwas länger, seine freie Übersetzung lautet im Ganzen so:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine von dem anderen zu Unterscheiden.

Einen Tag nach dem anderen zu leben. Einen Moment nach dem anderen zu genießen. Entbehrung als einen Weg zum Frieden zu akzeptieren.

Anzunehmen, wie Jesus es tat: Diese sündige Welt, wie sie ist und nicht, wie ich sie gern hätte. Zu vertrauen, dass du alles richtig machen wirst, wenn ich mich deinem Willen bedingungslos ausliefere. Sodass ich in diesem Leben vernünftig glücklich sein könnte und richtig glücklich mit dir, in Ewigkeit.

Ich persönlich stehe gerade dem letzten Teil dieses Gebetes sehr skeptisch gegenüber. Zum einen hat Vertrauen für mich nichts mit Auslieferung zu tun und zum anderen ist unsere Welt oder unsere Gesellschaft, für mich nicht sündig. Wobei ich mir hier nicht anmaßen möchte darüber zu urteilen, was Sünde ist und was nicht. Aber dazu mehr weiter unten.

Recht haben oder glücklich sein?

Über den ersten Teil des Gebets sprach ich gerade erst gestern mit einer Klientin. Sie fragte mich, wie sie es schaffen könne, besser mit Stresssituationen umzugehen.

Ich bin mir absolut sicher, dass wir in jedem Augenblick, der uns stresst, die Möglichkeit haben, zwischen zwei Dingen zu wählen. Wir können uns dazu entscheiden Energie in diesen Moment hineinzugeben oder ihm die Energie zu entziehen. Dies bedeutet vereinfacht ausgedrückt, die Situation anzupacken und zu ändern oder sie einfach sein zu lassen im Sinne von, es ist gerade so, wie es ist. Ich erlebe es so oft, dass wir Menschen unsere Energie an  Umstände, Situationen oder Mitmenschen vergeuden, anstatt verantwortungsvoll damit umzugehen. Wir geben so viel Energie in eine Sache hinein, die uns dann nur noch weiter stresst, weil wir uns selbst ein leidvolles Ereignis nach dem nächsten erschaffen, anstatt ihr die Energie zu entziehen. Meistens geht es dabei um vermeintliches Recht haben oder ums Prinzip.

Veit Lindau drückt es oft in ungefähr so aus: „Willst du Recht haben oder glücklich sein?“

Und diese Frage kannst nur du selbst dir beantworten, da es allein in deiner Verantwortung liegt zu entscheiden, was dir wichtiger ist, der Kampf oder dein Seelenfrieden? Oder anders ausgedrückt, was ist dir dein Seelenfrieden wert?

Unsere Gesellschaft hat so viel Potential, wenn wir lernen Verantwortung zu übernehmen

Ich hatte es ja schon oben geschrieben, dass ich dem letzten Teil des Gebetes sehr skeptisch gegenüberstehe. Wobei dies, ehrlich gesagt, noch sehr gelinde ausgedrückt ist. Wenn ich den letzten Teil lese, sträubt sich alles in mir und gleichzeitig fallen mir diverse Posts auf Facebook ein oder die Nachrichten oder Artikel in den Tageszeitungen. Allesamt lassen unsere Gesellschaft oder uns als Menschen, oft nicht besonders gut dastehen.

Bitte, verstehe mich an dieser Stelle nicht falsch, klar sehe ich das Leid auf dieser Welt, die Kriege, die unfassbaren Missstände oder die Massenkriminlität an Tier, Mensch und Umwelt. ABER ich sehe auch, das Schöne und Brilliante. Ich sehe Menschen, die voller Leidenschaft und Energie ihr Potential an die Gesellschaft verschenken, um diese Welt zu einer besseren zu machen. Ich sehe den Wandel in unserer Gesellschaft, der dazu führt, dass wir unsere Prioritäten verlagern. Wir konsumieren nicht mehr nur noch blindlings, sondern wir hinterfragen immer mehr. Meines Erachtens geschieht dies einzig und allein aus dem Grunde, dass wir immer mehr lernen, die Verantwortung für uns bei uns selbst zu suchen und nicht im Außen bei den Umständen, die uns umgeben.

Es berührt mich sehr, wenn ich sehe, dass wir Menschen uns selbst immer mehr wertschätzen. Und hier meine ich nicht ein überzogenes Ego zu stillen, sondern unser Dasein als Mensch auf dieser Erde als ein Geschenk anzuerkennen. Und vor allem dieses Geschenk zu ehren, was überhaupt erst dazu führt, dass wir uns nicht nur für eine bessere Welt einsetzen, sondern auch mit vielen Konsequenzen für unsere Gesundheit, physisch wie psychisch. Ich glaube ganz fest an das Potential und das Talent eines Jeden von uns, unsere Gesellschaft positiv zu verändern. Und genau auch das sehe ich tagtäglich. Ich sehe Menschen, die den Mut haben, ihr Potential zu entfalten, zu zeigen und zu leben.

Wir sind nicht Opfer, die dem Schicksal, dem Willen einer Gottheit oder den Umständen ausgeliefert sind, sondern wir sind denkende Wesen mit einem freien Willen. Wir können uns jederzeit für uns, für unseren Seelenfrieden, für unsere Freude und für unser Glück entscheiden und dies sollten wir auch, denn die Verantwortung dafür liegt einzig und allein bei einem Jeden selbst.

Gelassenheit bedeutet Vertrauen und Verantwortung

Ja, Gelassenheit bedeutet für mich Vertrauen und Verantwortung. Vertrauen als Urvertrauen ins Leben an sich. Dem Leben zu vertrauen, dass es nur das Beste für mich will. Jede Situation, die nicht meinem höchsten Wohl entspricht ist eigens von mir, durch meine Gedanken, Worte und Handlungen erschaffen worden. Daher bedeutet Gelassenheit für mich auch Verantwortung. Eine Verantwortung, die ich mir selbst gegenüber habe, auf meine Gedanken, Worte und Handlungen zu achten. Eben meine Energie nicht auf Kosten meines vermeintlichen Rechts oder eines Prinzips zu vergeuden.

Aber wie schon so oft von mir gesagt, die Verantwortung liegt bei einem jeden Einzelnen von uns.

Sicherlich, bei der Deutung oder dem Verstehen eines Textes, wie dem oben zitierten Gebet, sind auch immer die jeweilige Zeit, die Umstände und die Sprache unerlässlich mit zu berücksichtigen. Und genau das ist es, was wir uns immer wieder vor Augen führen sollten, wenn wir etwas für uns als unsere Wahrheit übernehmen.

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