Das Schloss der Liebe – nur ein Symbol?

Schlösser der Liebe an einem Brückengeländer
Das Schloss der Liebe – nur ein Symbol?

 

Auf meinem Spaziergang um die Alster in Hamburg, ging ich über diese Brücke, deren Geländer dekoriert war mit ziemlich, ziemlich vielen Schlössern. Schlössern der Liebe mit Namen und Herzen darauf. Diese Schlösser symbolisieren für Liebende die ewige Verbundenheit. Sie stehen für die ewige Liebe und das für immer miteinander zusammensein. Sie sollen dem anderen zeigen, wie sehr man einander liebt. Und sie symbolisieren auch, dass man sich gegenseitig an den anderen bindet oder besser festschließt.

Sicherlich, für viele Liebende mag es nur ein symbolischer Akt der Verbundenheit sein, sich dort auf dieser Brücke mit diesem Schloss die ewige Liebe zu versprechen, für mich war es Anreiz intensiv über diesen Zusammenhang nachzudenken.

Die Liebe mit einem Schloss sichern?

Was in meinem Kopf überhaupt nicht zusammenpassen wollte, waren die zwei Worte „Schloss“ und „Liebe“. Wie kann etwas so Starres, Einschließendes und Unbewegliches, wie ein Schloss, ein Symbol für Liebe sein? Diese Frage beschäftigte mich die gesamten nächsten Kilometer, bis ich wieder zu Hause war. Auch wenn es für die Liebenden nur als Symbol dient, bin ich trotzdem davon überzeugt, dass wir Menschen zu oft dieses Schloss nicht nur an ein Geländer, sondern auch an unserer tatsächlich gelebten Liebe, unserer Beziehung, festmachen. Ein Schloss als Sicherheit, dass diese Liebe immer so bleibe, sich niemals verändere oder niemals vergehe. Aber mit einem Schloss? Wie kann etwas wachsen und gedeihen, sich entwickeln, vertiefen und intensivieren, wenn es mit einem Schloss eingesperrt ist. Eingesperrt und dadurch zur beschränkten Beweglichkeit und beschränktem Wachstum verdammt ist.

Wenn ich das Bedürfnis habe, etwas einzuschließen, wegzuschließen oder anzuketten, dann geschieht dies aus innerer Angst heraus. Angst, dieses mir am Herzen Liegende, könnte mir jemand stehlen. Oder dieser mir am Herzen liegende Mensch könnte sich von mir entfernen. Oder er könnte sich ganz von mir abwenden.

Während ich auf meinem Spaziergang weiter darüber nachdachte, erschuf ich vor meinem geistigen Auge ein Bild. Ich stellte mir das Paar in einem imaginären Raum versehen mit einem Schloss vor der Tür vor. Glücklich standen sie in diesem Raum mit ihrer tief empfundenen Liebe füreinander. Dann ließ ich die Zeit in diesem Raum vergehen. Und sah dann, dass diese beiden nicht nur sich mit in diesen Raum mitgenommen hatten, sondern auch alle anderen Beziehungen, die sie vorher durchlebt hatten. Denn sie gehörten zu ihrer ganz persönlichen Lebensgeschichte.

Der Raum füllte sich mit den Ex-Partnern und Ex-Partnerinnen, mit den Eltern und Verwandten, mit Freunden und Bekannten. Das Paar versuchte zunächst die zusätzlichen, nicht offensichtlichen Gäste im Raum zu ignorieren. Doch der Raum mag zwar vielleicht groß sein, aber er ist begrenzt. Irgendwann sind seine Grenzen erreicht. Das Leben und die Liebe dieses Paares spielten sich nun in diesem imaginären Raum ab. Nichts konnte hinaus oder hinein. Alles was gewollt oder ungewollt mitgenommen wurde blieb dort. Alles was hinein könnte, blieb vor der mit dem Schloss gesicherten Tür. Das Paar arbeitete und kämpfte tapfer gegen die Erlebnisse, gegen die Erfahrungen und Verletzungen an, die sie ungewollt mitgenommen hatten. Sie wollten diese Verletzungen, diese Beschränkungen, diese Erinnerungen nicht in dieser neuen Beziehung. Aber wenn die Tür mit einem Schloss gesichert ist, gibt es keine Möglichkeit, das Ungewollte gehen zu lassen. Auch wenn es nicht zu dieser neuen Beziehung gehört. Eingeschlossen in diesem Raum, wird es dadurch immer präsent und somit Teil dieser neuen Beziehung sein.

Die Liebe mit einem Schloss sichern?

Vor zwei Tagen rief mein ehemaliger Vermieter mich an. Bevor ich jetzt wieder nach Hamburg gekommen bin, habe ich auf einem wunderschönen Reiterhof mit mehreren Wohneinheiten gelebt. Mein Vermieter rief mich an, weil er Ärger mit einer Mieterin hatte. Am Ende des Telefonats fragte er mich „Petra, warum sind die Menschen so?“ Ich antwortete ihm „Tomi, das kann ich Dir leider nicht sagen.“ Doch das war keine ehrliche Antwort. Meine ehrliche Antwort hätte lauten müssen: „Weil sie versuchen, eigenes Leid zu vermeiden.“

Ich bin mir absolut sicher, dass wir Menschen einander nur aus einem einzigen Grund weh tun und uns gegenseitig Verletzungen zufügen. Und dieser einzige Grund wird angetrieben von der inneren Kraft, eigenes Leid zu vermeiden. Um eigenes Leid zu vermeiden und dadurch unseren eigenen Schmerz zu verringern, sagen wir Dinge, die den anderen noch mehr verletzten sollen, als wir es gerade sind. Wir tun Dinge, um unserem eigenen Schmerz Raum nach außen zu geben, ohne dabei zu sehen, was es mit unserem Gegenüber macht. Das Schlimme daran ist nur, dass die Dinge gesagt oder getan sind. Wir können sie nicht ungeschehen machen. Aber wir können eines tun, und zwar das Schloss von der Tür nehmen und damit dem Gesagten oder dem Getanen die Möglichkeit geben, den Raum zu verlassen.

Solange dieses Schloss vor der Tür ist, kann nichts hinaus. Kein Gefühl, das gehen möchte, Leid oder Schmerz, entstanden aus anderen Beziehungen, kann diesen Raum verlassen. Neue, die Liebe immer wieder inspirierende Dinge, können nicht in den Raum hinein. Nichts auf dieser Welt, kann gesund wachsen und erblühen, wenn es mit einem Schloss an einen begrenzten Raum gebunden ist. So auch die Liebe nicht. Und vor allem auch nicht die Liebenden. Liebe möchte im Vertrauen wachsen. Benötigt dies Mut? Ja, mit Sicherheit. Und je nach Lebensgeschichte manchmal wahrscheinlich mehr Mut, als ein Mensch sich vorstellen kann aufzubringen. Doch ohne diesen Mut, ohne dieses Vertrauen, wird es immer diesen Wunsch nach Sicherheit geben. Und dann wird es auch immer dieses imaginäre Schloss vor diesem imaginären Raum geben. Und dieses Schloss wird letztendlich verhindern, dass eine bedingungslose, freie und unbeschwerte Liebe reifen und erblühen kann.

Liebe möchte frei sein

Wir alle haben unsere Verletzungen aus vergangen Beziehungen. Welcher Natur diese Beziehung auch immer war. Ob es die Beziehung zwischen uns und unseren Eltern, die Beziehung zu unseren Ex-Partner*Innen oder die freundschaftliche Beziehung war. Wir alle nehmen unsere Erfahrungen aus diesen Beziehungen mit. Und aus diesen Erfahrungen heraus, versuchen wir zu kontrollieren. Wir versuchen die neue Beziehung mit unserem Verstand zu kontrollieren, anstatt sie von unserem Herzen leiten zu lassen. Wir tun dies, um weiteres Leid, weiteren Schmerz zu vermeiden.

Doch wenn wir Menschen den Mut aufbringen, im Vertrauen zu lieben, wenn wir den Mut aufbringen, die Kontrolle loszulassen, schenken wir uns mehr, als wir uns damit nehmen. Wir schenken uns die gegenseitige Freiheit. Und wir schenken der gemeinsamen Liebe die Freiheit. Wenn wir kontrollieren wollen, kann dies grundsätzlich nur in unserem von unserem Verstand beschränktem Maße geschehen. Die Freiheit jedoch ist viel, viel größer. Sie eröffnet uns Möglichkeiten, die unser Verstand aus Angst gar nicht in der Lage ist zu erkennen.

Ja, dies macht uns verwundbar. Aber die von uns gewollte Kontrolle, schützt uns nicht vor Verletzungen. Ganz im Gegenteil. Sie macht uns abhängig und Abhängigkeit bedeutet Schmerz. Ich weiß es natürlich nicht, aber ich bin mir sicher, dass es viele von uns da draußen gibt, die schon zu viele Verletzungen auf und in ihrem Herzen tragen. Bei dem einem sind die Spuren vielleicht besser verheilt als bei der anderen. Doch was ich Dir jetzt gern sagen möchte, ist, dass wir immer die Wahl haben. Wir haben immer die Wahl zwischen der Liebe und der Angst. Entscheide Dich für die Liebe, denn die Angst ist kein guter Begleiter. Die Angst ist es, die Dir neue Verletzungen, neues Leid und neuen Schmerz zufügt, nicht die Liebe.

Deine Petra

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