Das Abbild im Außen = Das Bild im Innen?

Einige von Euch mögen sie vielleicht erkennen. Die Stühle auf dem Beitragsfoto stehen vor der Freilichtbühne in „Planten und Blomen“ in Hamburg. Als ich vergangenes Wochenende auf meiner kleinen Fotosafari war, um Motive für zukünftige Beiträge zu fotografieren, boten sie mir die perfekte Vorlage für diesen Beitrag.

Gefühlt war ich eine Ewigkeit nicht mehr in besagter Anlage. Sie gehörte auch früher nicht zu meinen primären Zielen, als ich das letzte Mal in Hamburg wohnte. Jetzt, wieder zurück in der Hansestadt, ist mir erst aufgefallen, wie schön es dort teilweise ist. Auf meinem Spaziergang kam ich an der Freilichtbühne vorbei und erkannte die Stühle natürlich wieder. Ich stellte mich auf die Bühne, um sie zu fotografieren. Als ich diese Stühle durch den Sucher meiner Kamera sah, wusste ich sofort, dass es nur einen Untertitel für dieses Motiv geben kann

„Auf welchem Stuhl würdest Du Platz nehmen? – und als WER?“

Das Abbild im Außen

Das letzte Mal, als ich diese Stühle sah, waren sie nahezu alle besetzt. Es war wenige Tage nach meiner Krebsdiagnose. Ich glaube, ich hatte noch nicht einmal den Port gesetzt bekommen. In meinem Buch erzähle ich dir davon, wie ich nicht in ein emotionales, schwarzes Loch gefallen bin, nachdem die Radiologin mir von meinem bösartigen Tumor berichtete. Das war auch Tage später nicht der Fall. Was allerdings unter anderem der Fall war, dass ich auf einmal überall Menschen gesehen habe, die offensichtlich an Krebs erkrankt waren. So auch an diesem Tage in meiner Erinnerung.

Ich sah eine Frau, ihr Alter war schwer zu schätzen, aber ich denke sie war ungefähr mein Jahrgang oder etwas älter. Sie saß sehr bunt gekleidet, wirklich sehr bunt, mit einem riesengroßen ebenso bunten Tuch auf ihrem kahlen Kopf, das sie wie einen Turban gebunden hatte, auf einem Stuhl direkt am Gang. Ich schaute sie mir ganz genau an und versuchte dabei so unauffällig wie möglich zu sein, was mir auch ganz gut gelang, denn sie schien mich nicht zu registrieren. Wahrscheinlich registrierte sie nicht sehr viel um sich herum. Denn so bunt ihre Kleidung, ihre äußere Erscheinung auch war, sie war es nicht. Sie strahlte Verbitterung, Ablehnung, Resignation und Teilnahmslosigkeit aus.

„Wie wirst du hier in ein paar Wochen oder Monaten sitzen?“ war eine Frage, die ich mir im Geiste stellte und die ich mir nach und nach beantwortete:

So bunt gekleidet auf gar keinen Fall, denn das ist nun wirklich nicht mein Ding. Ohne Haare, das ist sicher. Aber auf jeden Fall mit Perücke und nicht mit Tuch, denn das ist auch nicht mein Ding. Es würde sich äußerlich an mir nichts verändern, außer meiner Haare. „Was ist mit deinem Ausdruck? Was wirst du ausstrahlen?“ Diese Fragen konnte ich mir nicht beantworten. Selbstverständlich nicht, denn ich wusste es ja schlichtweg nicht. Wie sollte ich erahnen können, was ich ausstrahle, wenn ich noch nicht einmal im Ansatz wusste, was auf mich zukommen würde bzw. was auf mich wartete.

Während meiner Krebstherapie habe ich diese Freilichtbühne nicht wieder besucht. Auch danach nicht, bis zum vergangenen Wochenende. Dies hatte keinen speziellen Grund, es hat sich einfach nicht ergeben. Nun stand ich vergangenes Wochenende auf dieser Bühne und betrachtete die Stühle. Vor meinem geistigen Auge holte ich das Bild von damals mit der Frau in meine Erinnerung und tauschte sie gegen mich ein. Ich setzte mich auf ihren Stuhl, so wie ich mich zur Krebstherapie in Erinnerung hatte und betrachtete mich in der Menge. Ich sah gut aus. Meine Wangen rosig vom Kortison, meine Haare für mich perfekt, Dank meiner Perücke „Cleo“. Ein wenig Make up im Gesicht trug dazu bei, dass nicht auffiel, dass ich keine Augenbrauen mehr hatte und mir nur noch wenige Wimpern geblieben waren. Kurzum, niemand, der sich nicht mit Krebs auskannte oder genauer hin sah, hätte bemerkt, dass ich mich gerade einer Chemotherapie unterzog.

Das Bild im Innen

Und Innen? Wie sah es da aus? Ich denke ganz ähnlich. Auch gut. Auch hübsch. Aber auch nachgeholfen. Nicht ganz ehrlich. Übergemalt, wie das Make up in meinem Gesicht und kaschiert, wie die Perücke auf meinem Kopf. Aber vom Grundsatz her gut. Eines ist mir während meiner gesamten Krebstherapie immer und immer wieder aufgefallen. Und das war das Leuchten meiner Augen, wenn ich sie im Spiegel sah. Ich habe grüne Augen, die durchaus je nach Lichteinfall und meinem persönlichen Befinden, unterschiedlich grün wirken können oder vielleicht sind sie es dann auch tatsächlich. Zur Therapiezeit waren sie strahlend grün. Der Augapfel strahlend weiß. Sie leuchteten. Sie spiegelten das nach Außen wieder, was ich im Innen wusste. Ich lebe und ich bleibe am Leben.

Meine Wangen leuchteten rot und brannten vom Kortison und all den anderen Medikamenten. Und so wie meine Wangen äußerlich leuchteten und brannten, so brannte auch in mir immer noch meine Flamme des Lebens. Vielleicht kleiner und sicherlich nicht als lodernd großes Lagerfeuer, aber sie brannte. Und das war das einzige worauf es ankam. Das innere Make up, welches meine ureigene Wahrheit oder Glaubenssätze übermalte war nicht zu stark, als hätte es meinem Gegenüber eine komplette äußere Lüge gezeigt. Es bot meinem Gegenüber bei genauerer Betrachtung die Möglichkeit zu erkennen, dass etwas nur nachgezeichnet oder angedeutet war, ganz so wie in meinem Gesicht im Außen.

Das Abbild im Außen = Das Bild im Innen?

Oder: „Auf welchem Stuhl würdest Du Platz nehmen? – und als WER?“ Diese Fragen sind meiner Meinung nach sicherlich Tagesform abhängig und variieren stark. Oder vielmehr hoffentlich tun sie das. Hoffentlich variieren sie und zeigen immer wieder neue Facetten und Varianten. Unsere Augen, unsere Sinne können aus einem so großen Spektrum wahrnehmen. Es steht uns so viel zur Verfügung.

Bei all den Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, bin ich mir jedoch bei einer Sache absolut sicher. Ein Abbild im Außen, kann noch so sehr geschmückt, noch so sehr verschönert sein, entspricht es vom Grundsatz her nicht dem Inneren, wird ihm immer seine persönliche Perfektion und Faszination fehlen. Es wird niemals wirklich leuchten und seinen Betrachter auf einer anderen Ebene, als der visuellen, berühren. Auf der anderen Seite, wird ein Abbild, das seine Authentizität zum Inneren nicht verloren hat, sein Strahlen nicht verlieren, auch wenn es im Inneren mal etwas dunkler ist.

Also: „Auf welchem Stuhl würdest Du Platz nehmen? – und als WER?“

Bis zum nächsten Beitrag,

Deine Petra

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